18.05.2012

Berliner Realismus - im Schloss Biesdorf

zeigt die Akademie der Künste die Ausstellung

Orte – Menschen mit Gemälden

von Otto Nagel (1894 – 1967).

Die Vernissage heute ab 19 Uhr.

19.05.2012

Rented Rooms – Torben Höke 

zeigt Reisende in Indien, die

unterwegs zu sich selbst sind.

Buchpräsentation & Ausstellungseröffnung

ab 19:00 Uhr bei 25Books, Brunnenstr. 152.

18.05.2012
Tanja Dückers

Literatur

Tanja Dückers | "Das waren damals die dunkelsten Jahre"

       05. Mai 2011       

In ihrem neuen Roman „Hausers Zimmer“ erzählt Tanja Dückers die Geschichte einer Westberliner Jugend in den 1980er Jahren. Kehrt die Schriftstellerin, die 1968 in Berlin geboren wurde und in Wilmersdorf aufgewachsen ist, damit zu ihren eigenen Wurzeln zurück? Wir haben Tanja Dückers zum Kaffee eingeladen und gefragt. Im Interview erzählt sie, was die Romanfiguren mit ihrem eigenen Leben zu tun haben, welche Erinnerungen sie mit dem Kalten Krieg verbindet und warum sich in ihrem neuen Buch so viele Ratten tummeln

Frau Dückers, lassen Sie uns anfangen mit einer Frage, die Sie vermutlich schon zig Mal gehört haben. Die Erzählerin in „Hausers Zimmer“ ist eine Westberlinerin Schülerin in Ihrem Alter. Ist das autobiographisch?

Nein. Nicht im engeren Sinne. Auch wenn ich die Umgebung sehr gut kenne. Ich bin in Westberlin aufgewachsen und war 1982 – das Jahr, in dem der Roman spielt – etwas jünger als die Protagonistin des Buchs. In meinen Büchern achte ich immer darauf, dass Milieu und Lokalkolorit stimmen. Deshalb habe ich für dieses Buch zahlreiche Westberliner interviewt, gerade aus der älteren Generation, um zu erfahren, wie man damals aus Sicht der so genannten 68er die Stadt Berlin als Ort der Hoffnung, als politische Rebellenhochburg wahrgenommen hat. Aber es ist gibt ja auch so etwas wie die schöpferische Freude oder Lust an der Gestaltung von Figuren. Da finde ich es wenig hilfreich, sich an seinem eigenen Leben oder an seiner Familie zu orientieren, weil man zu viel Unwichtiges in die Literatur einbauen würde. Die eigene Realität liefert selten das, was für einen Roman interessant ist. Deshalb sind die Figuren in meinen Bücher immer frei erfunden, basieren aber auch auf meinen Beobachtungen. In meiner Jugend gab es beispielsweise um mich herum viele Menschen, die ungefähr so waren wie Klaus und Wiebke, die Eltern in meinem neuen Buch. Die beiden sind sozusagen eine Melange aus zehn Eltern-Paaren, die ich in meiner Jugend kannte. Wenn man schreibt, gibt es eine Verdichtung. Man versucht, Prototypen zu schaffen, die besondere Eigenschaften haben sollen. Aber es dürfen keine Klischees sein, es müssen Round Characters sein.

Der Roman spielt 1982. Warum ausgerechnet in diesem Jahr?

Ich fand sehr spannend, dass man in den 80er Jahren in einer scheinbar friedlichen Zeit aufgewachsen ist, aber immer diese Angst vor dem Atomkrieg im Kopf hatte. Spannend auch zu beschreiben, was es für junge Menschen bedeutet, mit einer so großen Bedrohung aufzuwachsen. Interessant ist diese Zeit auch wegen der Menschen, die die Zeit ihrer großen Utopien und Illusionen hinter sich haben und sich in einer politischen Katerstimmung befinden. Im September 1982 gab es den Machtwechsel von Helmut zu Helmut, also von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl. Außerdem war es auch das Jahr, in dem die Köpfe der zweiten RAF-Generation festgenommen wurden. Ein bestimmter politischer Weg, der für viele 68er sehr wichtig war, hat damals an Wirkungskraft und Glaubwürdigkeit eingebüßt. Die frühen 80er Jahre waren eine sehr orientierungslose Zeit, in der die alten Idole ausgedient hatten, und die neuen waren für links-bürgerliche Menschen nicht tauglich. Es war die Zeit von Reagan, Thatcher und dem jungen Kohl, es gab einen Paradigmenwechsel. Mich hat es interessiert zu beschreiben, wie sich diese Entwicklung damals in Westberlin niedergeschlagen hat.

Die Protagonistin des Romans ist 14 Jahre alt und beschäftigt sich mit sehr erwachsenen Themen. Ist das realistisch?

Sie ist fast 15. Ich habe lange über das Alter der Romanfigur nachgedacht, ob sie nun 13, 14 oder vielleicht schon 17 Jahre alt sein soll und mich schließlich so entschieden. Vorher habe ich viele alte Briefe gelesen aus den 80ern, die ich selber mit 14 geschrieben oder von Freundinnen bekommen habe. Dabei habe ich festgestellt, dass wir damals als Jugendliche ziemlich viel über ernste Themen nachgedacht haben. Teilweise fand ich das schon fast erschreckend. Wenn man das heute liest, denkt man sich, meine Güte, warum unterhalten die sich denn nicht mal über Mode und Klamotten? Stattdessen geht es ständig um Themen wie das Waldsterben, die Atombombe und deprimierende Ereignisse aus den Nachrichten.

Die 80er Jahre waren in der Jugendkultur eine Epoche mit klaren Lagern – die Popper, die Punks, die Ökos. Wo standen Sie damals denn selber?

Die soziale Weltordnung war damals viel krasser als heute, es gab eine klare Einteilung von links und rechts, man konnte das den Leuten auf zehn Meter Entfernung ansehen. Ich war eher links orientiert und habe mich damals in der Antifa und bei Robin Wood engagiert. Aber ich war eigentlich nie gern in Gruppen, eher etwas eigenbrödlerisch veranlagt. Außerdem habe ich schon damals gern geschrieben – eine so introvertierte Tätigkeit passt auch nicht so gut zum politischen Aktivismus. Aber es gab damals in Westberlin viele junge Leute, die politisch sehr engagiert waren. Bekannte und ältere Schulkameraden lebten in besetzten Häusern und waren ständig auf Demos. Für mich war das nichts, Hausbesetzungen und Häuserräumungen, dazu war ich nicht mutig genug. Ich gehörte damals zum linken Lager, das auf jeden Fall, aber ich war nie im Zentrum, eher am Rand, eine Beobachterin. Also eigentlich eine ähnliche Haltung wie bei Julika, der Hauptfigur in „Hausers Zimmer“.

In Ihrem neuen Roman betrachten Sie die Stadt Berlin durch die Augen eines 14-jährigen Mädchens. Warum gerade diese Perspektive?

Es ist nicht nur ihre Perspektive, denn es gibt zwei jüngere und zwei ältere Figuren, die für den Roman sehr wichtig sind: die Geschwister Julika und Falk und die Eltern Klaus und Wiebke. Es ging mir darum, über zwei unterschiedliche Generationen die Stadt zu beleuchten und zu beschreiben. Der heimliche Protagonist des Romans ist aber die Stadt selbst. Die Stadt Berlin ist für das Buch wichtiger als das Mädchen, das die Geschichte erzählt. Klar, man erfährt natürlich viel über Julika, über ihr Leben und die Dinge, die sie beschäftigen. Man erfährt aber auch viel über Berlin und was damals in der Stadt passiert ist – zum Beispiel in der Kunstszene mit der großen Zeitgeist-Ausstellung von 1982.

Es gibt im Roman ein Motiv, das immer wieder auftaucht: die Berliner Ratten. Sie tummeln sich auf den Straßen, in den Hinterhöfen, überall. Ist das eine Metapher oder eine reale Beobachtung?

Beides. Es gab damals wirklich viele Ratten in Berlin, ich habe selber ganz viele gesehen, die Stadt war früher ungeordneter als heute. Als Metapher illustrieren die Ratten die Vorstellung von Berlin als Ruinenstadt, als einer sterbenden Stadt, denn so wurde Berlin in den 80er Jahren von vielen Leuten betrachtet. Zerbombt, kaputt, anarchistisch – das verkörpern für mich die Ratten. Zugleich sind sie auch ein Symbol für die Widerstandsfähigkeit und den Überlebenswillen der Berliner Bevölkerung, weil sie sich Tunnel unter der Stadt graben und in der Lage sind, im Untergrund zu überleben. Ursprünglich gab es in meinem Buch übrigens noch viel mehr Ratten. Aber meine Lektorin meinte, es seien wirklich zu viele, deshalb habe ich einige entfernt.

Über die 80er Jahre in Westberlin wurde schon viel geschrieben. Stört es Sie, wenn „Hausers Zimmer“ mit Sven Regeners „Herr Lehmann“ verglichen oder daran gemessen wird?

Sven Regeners Buch ist lustig und gut geschrieben, das habe ich echt gern gelesen. Aber ich habe mich davon nie bedroht gefühlt, weil es ein völlig anderes Buch ist als meins, mit einem völlig anderen Zugang zur Stadt. Sein Buch behandelt eine Nischenkultur in Kreuzberg, die mit meinem Buch nichts zu tun hat. Ich habe über die alte City-West geschrieben, über das Herz des alten Westberlins, mit Tauentzien, Kadewe, Kunst und Drogen. Außerdem spielt „Herr Lehmann“ 1989, am Vorabend der Wende – und mein Buch 1982 in der Hochzeit des Kalten Kriegs. In meinen Augen ist das damals die dunkelste Zeit gewesen, weil der Glanz der 70er und die Hoffnung, die Welt verändern zu können, in den frühen 80ern komplett verloren ging. Mit dem Machtwechsel von Helmut zu Helmut wurden die politischen Hoffnungen der Linken endgültig begraben.

Wenn Sie das Berlin der 1980er mit der Gegenwart vergleichen: Gibt es Dinge, die Sie vermissen?

Im Rückblick erscheint es mir manchmal so, als ob die bipolare Weltordnung von damals einfacher zu greifen und vor allem leichter zu ertragen gewesen ist als die heutige politische Unübersichtlichkeit. Man erinnert sich zurück und denkt, ach ja, eigentlich hatte diese eingefroren-stagnative Situation des Kalten Kriegs damals doch im Vergleich zu heute fast ein wenig etwas "Kuscheliges". Aber das ist ein Trugschluss, denn damals konnte niemand wissen, dass die Mauer bald verschwinden würde und mit ihr die Angst vor einem Dritten Weltkrieg. Auf der anderen Seite kann man heute nicht sagen, dass in Berlin nach der Wende alles besser geworden ist. Ich finde, dass Westberlin vorher etwas ganz Besonderes und Exklusiveres war. Ein soziales Biotop mit einer ganz speziellen Stimmung und Bevölkerungsmischung. Damals hat die Stadt ja sehr viele Wehrdienstverweigerer und vor allem auch viele Künstler angezogen. Berlin hatte wirklich etwas von einer Front- und Inselstadt. Aber ich bin keine Westalgikerin.

(Interview: Oliver Burgard)

 

Tanja Dückers: Hausers Zimmer, Verlag Schöffling & Co, 496 S., 24,95 €


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