18.05.2012

Berliner Realismus - im Schloss Biesdorf

zeigt die Akademie der Künste die Ausstellung

Orte – Menschen mit Gemälden

von Otto Nagel (1894 – 1967).

Die Vernissage heute ab 19 Uhr.

19.05.2012

Rented Rooms – Torben Höke 

zeigt Reisende in Indien, die

unterwegs zu sich selbst sind.

Buchpräsentation & Ausstellungseröffnung

ab 19:00 Uhr bei 25Books, Brunnenstr. 152.

18.05.2012
Louise Gold, Sängerin, Berlin

Interview

Louise Gold | „Sehr fröhlich und sehr elegant“

       17. Mai 2012       

Eine Posaune, ein Kontrabass, eine Gitarre, eine Frauenstimme, die schon mit Jazz-Legenden wie Jo Stafford oder Peggy Lee verglichen wurde, dazu eine große Portion Stilbewusstsein und viel Liebe zum Sound der 40er und 50er Jahre – das alles findet sich auf dem gerade eingespielten, ersten Album von Louise Gold & die Herren Quarz. Das Berliner Quartett hat den amerikanischen Swing-Sound der 40er und 50er Jahre entstaubt und modernisiert. Aber, so betont Louise Gold im Interview, Swing ist mehr als nur ein Sound – es ist ein Lebensgefühl und ein ganz besonderer Stil

 

Woher stammt Ihre Liebe zum Swing?

Das reicht ganz weit zurück in meine Kindheit. Aufgewachsen bin ich in Potsdam, und ich habe mir damals die amerikanischen Musicals im DDR-Fernsehen angeschaut. Meist gab es am nächsten Tag eine Wiederholung, die habe ich mir dann auch noch angesehen. Danach bin ich in mein Zimmer gerannt und habe alle Texte aufgeschrieben. Und das in Lautschrift, denn ich konnte ja damals noch kein Englisch. Danach habe ich die Lieder heimlich geübt im Kinderzimmer.

Lieder von wem?

Als Kind mochte ich Judy Garland und vor allem Doris Day, die fand ich ganz toll. Irgendwann hat die DDR-Plattenfirma Amiga eine Compilation von Doris Day herausgebracht. Meine Mutter hat sich stundenlang angestellt, um die Platte zu besorgen. Ich habe die dann rauf und runter gehört.

War Ihnen damals schon klar, dass sie später als Sängerin oder Künstlerin arbeiten wollen?

Als Kind denkt man darüber nicht so konkret nach, aber ich hab mich in dieser künstlichen, fröhlichen Musical-Welt sehr aufgehoben gefühlt, außerdem hat sie meine Phantasie angeregt, ich fand das großartig.

Und die Ost-Musikszene? Manfred Krug oder die Puhdys?

Das hat mich nie interessiert. Später habe ich mit Musikern zusammengearbeitet, die unbedingt wollten, dass ich deutsche Texte singe. Ich habe mich damit nicht wohl gefühlt.

Haben Sie noch Erinnerungen an Ihren ersten Auftritt?

Ich habe auf einer kleinen Potsdamer Bühne gestanden und Songs von anderen Künstlern gesungen, begleitet von einem Gitarristen. Manche Lieder waren sehr ernst, denn nach meiner kindlichen Musical-Begeisterung habe ich andere Sachen entdeckt, Leonard Cohen oder Kate Bush. Noch später gab es eine kurze Phase, in der ich in einer Punk-Band gesungen habe. Die Band hat eine Sängerin gesucht, ich bin eingesprungen.

Wann kamen die ersten eigenen Songs?

Meine eigenen Songs hab ich nach meinem Umzug nach Berlin, Mitte der Neunziger Jahre gespielt. Damals habe ich mit einem Keyboarder zusammengearbeitet, unser Projekt hieß Recorder, das war Trip Hop. Das Projekt gab es sechs Jahre lang, wir sind live aufgetreten und durch Europa getourt. Es kam die große Krise der Major Labels, deswegen haben wir keine eigene Platte herausgebracht, obwohl wir genügend gutes eigenes Material hatten. Deshalb ist aus dem Projekt die Luft rausgegangen. Ich glaube, dass es für eine Band wichtig ist, dass sie irgendwann einen Tonträger herausbringt. Wenn das nicht klappt, verliert man irgendwann die Motivation.

Musical, Punk, Trip Hop – warum so viele verschiedene Musikstile?

Ich war früher wahnsinnig schüchtern. Die Idee, für andere Menschen zu singen, hatte für mich eine irre Anziehungskraft und war gleichzeitig auch der totale Horror. Deshalb habe ich immer nach Möglichkeiten gesucht, um auf der Bühne zu singen, weil ich ein Gefühl dafür kriegen wollte, wie es ist, wenn ich für Leute singe. Außerdem war mir wichtig, mit vielen anderen Musikern zusammenzuarbeiten, weil man sich nur dadurch weiterentwickelt.

Ihr aktueller Stil ist schwer zu definieren – der Sound von Louise Gold und den Herren Quarz erinnert an die amerikanischen Fifties, es klingt wie Swing, ein bisschen Fräuleinwunder steckt auch drin. Zugleich klingt es modern und passt gut nach Berlin, oder?

Unser Sound ist sehr stark vom Swing beeinflusst, vom Sound der 30er bis 60er Jahre. Mich spricht dieser Sound an, weil es anspruchsvolle und kreative Musik ist. Dazu kommt eine besondere Ästhetik, die zur Musik gehört und einen ganz eigenen Reiz hat.

Wie passt dieser Stil zusammen mit Ihrer Vergangenheit als Punk-Musikerin?

Ach das passt schon (lacht). Damals war ich ein aufsässiger Teenager, ich konnte drei Akkorde spielen und wollte einfach mal alles rausschreien, was mich beschäftigt. Aber das war halt nur eine Phase.

Die ganze Welt, auch die Musikwelt, ist zunehmend technisiert und digitalisiert. Ist der Retro-Sound bzw. der aktuelle Swing-Trend eine Gegenbewegung?

Ich kann nicht für andere sprechen, aber bei mir ist es nicht so. Mir hat dieser Sound schon als Kind gut gefallen, meine Verbindung zum Swing ist sozusagen natürlich gewachsen. Es war nicht so, dass ich irgendwann einen Punkt erreicht hätte, an dem ich mir gesagt habe, jetzt mache ich Swing, das ist jetzt trendy. Bei mir hat sich das einfach so entwickelt. Ich glaube, dass es früher eine sehr große Qualität in der Musik gab, im Songwriting, aber auch in der Performance. Diese hohe Qualität haben heute nur wenige Künstler, beispielsweise Amy Winehouse. Sie hat sehr komplexe Songs geschrieben und sie war eine tolle Sängerin. Diese Qualität vermisse ich heute oft in der aktuellen Musikszene – vielleicht ist das ein Grund, warum ich Swing mag.

Wie lang spielen Louise Gold und die Herren Quarz schon zusammen?

Seit dreieinhalb Jahren. Wir haben mit Swing angefangen und nur Standards gespielt, um damit Geld zu verdienen. Inzwischen schreiben wir selbst. Am Anfang haben wir uns auf die 30er und 40er Jahre konzentriert, jetzt wird das Spektrum größer und persönlicher. Neben den Standards spielen wie auch Pop-Songs, die von Hans Quarz arrangiert wurden wie Swing-Nummern aus den 40er Jahren. Es gibt bei uns eine kleine Besetzung, mit Kontrabass, Posaune, Gitarre und mir als Sängerin, außerdem gibt es eine Sechser-Besetzung mit Pianist und Schlagzeuger, und es gibt die Bigband mit elf Leuten.

Die Aufnahmen für die erste Platte sind in einem besonderen Studio entstanden.

Das Studio heißt Lightning Recorders und ist in Rummelsburg, in der Nähe der früheren DDR-Rundfunkanstalt in der Nalepastraße. Die beiden Studio-Chefs sind richtige Sound-Freaks, sie haben altes Equipment aus den Fünfzigern zusammengekauft. Zum Beispiel gibt es alte RCA-Mikrofone von der Sorte, mit denen Billie Holiday damals gesungen hat. Wenn man mit solchen Mikrofonen einen Song aufnimmt, dann hört man selbst die winzigsten Geräusche, jedes Staubkorn, jede Feder. Damit zu singen ist eine riesige Freude. Das Besondere an der Arbeit in diesem Studio ist, dass die Band jeden Song gemeinsam einspielt. Normalerweise singt die Sängerin im Studio ihren Track über den fertigen Sound – hier ist das ganz anders, weil wir jeden Song gemeinsam spielen. Das hat mich am Anfang total irritiert, aber inzwischen finde ich das richtig toll, weil der Sound dadurch wahnsinnig lebendig wird. Außerdem muss man die Aufnahmen später kaum mehr nachbearbeiten. 

Wie sind Ihre neuen Songs entstanden?

Die Texte schreibe ich meist zuerst und danach erst die Musik. Die Texte sind mir extrem wichtig, eigentlich das Wichtigste. Zum Beispiel hat der Song „Boys are Heroes“ mit meinen eigenen Beobachtungen zu tun, die ich beim Wandern in den Alpen gemacht habe.

Was haben Sie in den Alpen denn beobachtet?

Vielleicht kennen Sie die Geschichte von den beiden Jungs, die in den 30ern die Eiger-Nordwand besteigen wollten? Von den beiden ist nur einer zurückgekehrt, der andere ist abgestürzt. Um so eine Geschichte geht es in meinem Song. Es handelt von einem idyllischen Dorf in den Bergen, von zwei jungen Bergsteigern und von zwei Mädchen, die zuhause auf die beiden warten. Aber nur einer kehrt zurück. Das Thema ist übrigens ziemlich aktuell. Als ich im Schnalstal in Südtirol war, fiel mir auf, dass die Männer da ganz anders funktionieren als in Berlin, das hat mich fasziniert. Weil die so eine bestimmte Galanterie haben und sehr charmant sind, aber auf der anderen Seite gibt es in ihrer Heimat auch eine morbide Stimmung. Manche Bergsteiger sind sehr wagemutig und gehen mit schlechtem Equipment auf ihre Bergtouren, und es kommt immer wieder zu Unfällen. In den Berghütten findet man manchmal kleine Gedenkkarten für die Bergsteiger, die abgestürzt sind. In den Augen der anderen sind das Helden, die etwas Besonderes gewagt und geleistet haben. Mich hat diese besondere Vorstellung von Heldenturm fasziniert, und das habe ich in den Song „Boys are heroes“ einfließen lassen. Es ist eine Art Lehrstück, fast ein bisschen märchenhaft, mit vielen Metaphern und Bildern. Der Junge, der abstürzt. Der trauernde Vater. Das weinende Mädchen.

Wie wird aus solchen Bildern ein Song?

Bei diesem Song hatte ich schnell den Refrain, die Hook-Line „Boys are heroes“ im Kopf. Wenn ich zu einer Textzeile die Melodie gefunden habe, suche ich dazu den passenden Akkord, und dann überlege ich, wie es weitergeht. Wenn ich schlafe, spult sich der Song im Traum immer wieder ab, als ob das Gehirn daran immer weiter arbeiten will. Manchmal dauert es ein paar Tage, bis der Song fertig ist, und manchmal geht es ganz schnell.

Wie ist es mit den Finanzen? Ist Berlin eine gute Stadt für Berufsmusiker?

Wir spielen viel in Clubs, aber auch auf „Corporate Events“, also Firmenveranstaltungen, oder auch auf Hochzeiten. Das Gute am Jazzmusiker-Dasein ist, dass man immer Gigs bekommt. Man verdient mit den einzelnen Konzerten nicht wahnsinnig viel, aber man hat viele Auftritte. Swing kommt in Berlin derzeit gut an. Sogar ein Club wie Kater Holzig macht neuerdings regelmäßig Swing-Abende. Wahrscheinlich liegt es daran, dass diese Art der Musik und des Tanzens kommunikativer ist als das übliche Herumzappeln in den Clubs. Außerdem ist Swing eben ein ganz besonderer Sound. Sehr fröhlich und sehr elegant.

(interview: Oliver Burgard; fotos: Daniela Friebel/HiPi

 

Termine:
18.05.12 um 22 Uhr im  3 Schwestern, www.3schwestern-berlin.de

www.goldquarz.com

 


 

 


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