01.09.2014

Marion Brasch und Stefan Kaminski

lesen um 20 Uhr im Georg Büchner

Buchladen am Kollwitzplatz

aus Marion Braschs neuem Buch

„Wunderlich fährt nach Norden“.

02.09.2014

Musiker des Konzerthausorchesters

gehen um 19.30 Uhr zum Auftakt

des ersten Kiez-Konzert-Festivals

im me Collectors Room Berlin auf

Tuchfühlung mit zeitgenössischer Kunst.

01.09.2014

Interview

Andreas Murkudis | Zentral dezentral

       30. Mai 2011       

Der Mann, der schöne Dinge liebt und verkauft, gibt seinen Hinterhofladen in Mitte auf und zieht in die Potsdamer Straße. Ein Gespräch über die Modebranche, den Manufakturgedanken und den Mitte-Hype.

Hilker: Sie wechseln den Standort, ziehen von der Münzstraße in Mitte in die Potsdamer Straße. Nicht an den Potsdamer Platz, sondern in das Gebäude, das der Tagesspiegel aufgegeben hat. Einige Beobachter stellen gerade fest, dass sich in der Gegend einiges tut.

Andreas Murkudis: Es tut sich ein bisschen was.

Wie meinen sie das?

Ich sehe das in anderen Zeitdimensionen. Als Jugendlicher bin in der Sophie-Scholl-Schule gewesen. Das war in den 70er Jahren. Meine Familie hat damals im Wedding gewohnt und mein Bruder und ich sind die ganze Strecke mit dem Bus entlang der Heidestraße am Reichstag und der Philharmonie vorbei, die Potsdamer entlang gefahren. Deswegen kenne ich die Gegend schon ewig und eigentlich hat sich nicht viel in den letzten 30 oder 40 Jahren geändert.

Vor 30 Jahre war der Puff noch auf der Ecke, Drogen wurden an der nächsten verkauft, Prostitution gehört bis heute in der Gegend zum Alltag. Aber von einer Galerieszene war damals nichts zu sehen. Und heute sprechen alle von dem neuen Kunstviertel.

Mitte hat sich innerhalb von sechs bis sieben Jahren verändert. Dort hat sich etwas getan und zwar im Zeitraffer. Schon alleine bei den Mieten. Vor sechs Jahren konnte man in Mitte noch einen Laden für zehn Euro pro Quadratmeter mieten, jetzt sind wir bei 120 Euro pro Quadratmeter. Die Preise sind in den letzten drei, vier Jahren enorm gestiegen.

Ist das schon das Ende der Preisspirale?

Das kann noch mehr werden. Je kleiner die Fläche, um so teurer. Die von Inhaber geführte Geschäfte – wie schnell die in Mitte alle rausgekanntet worden sind, das ist schon enorm.

Was macht denn ein Hype für eine Gegend aus? Gibt es Grundelemente oder ein Prinzip, damit eine Gegend boomt?

So richtig kann man es nicht erklären. Der Westteil hat verloren. Es gab keine wirkliche Alternative zu Mitte. Die Gewerbemieten waren bezahlbar. Die Läden hatten eine gute Größe, so um 50 bis 100 Quadratmeter, so konnten sich interessante Konzepte, ob Buch-, Kaffeemaschinen- oder ein Sportschuhladen hier ansiedeln. Neue und alte Berliner zogen entweder in den Prenzlauer Berg oder nach Mitte. Es waren auch die richtigen Leute vor Ort. Weil die coolen Typen in Mitte präsent waren, wollten die ganzen Filialisten auch die coolen Typen sein. Wenn heute dort einer einen Ladenraum verlässt, gibt es mindestens neue 50 Bewerber.

Was sind coole Typen?

Keine Ahnung, ich bin auf jeden Fall kein cooler Typ. In meinem Alter ist man kein cooler Typ.

Sie sind gerade mal 49 Jahre.

Die neuen Räume in der Potsdamer Straße habe ich für 15 Jahre gemietet. Ich habe natürlich schon viel Lust noch andere Dinge zu tun. Aber in 15 Jahren bin ich schon 64. Mir macht das viel Spaß. Sonst würde ich mich nicht in so ein Unternehmen stürzen. Der Tagesspiegel hat 1000 Quadratmeter, das ist keine kleine Fläche – es ist die Fläche der alten und neuen Druckerei.

Die Potsdamer hat sich also im Vergleich mit Mitte im Schneckentempo verändert.

Wenn man in den Medien die Berichterstattung verfolgt hat, dann wurde irgendwann der Wedding ausgerufen und Neukölln, Friedrichshain und Kreuzberg. Dieser Bereich der Potsdamer Straße ist nie so ein Thema gewesen. Natürlich der Winterfeldtmarkt war schon damals, als ich noch zur Schule gegangen bin, ein toller Platz. Aber dieser Teil mit den ganzen Querstraßen Pohl- und Lützowstraße, den hatte niemand so richtig auf dem Schirm. Deshalb fand ich das spannend. Ich wusste, dass die Gegend um die Münzstraße irgendwann kippen würde. Ich habe immer schon geschaut, wohin ich gehen könnte. Für mich war klar, dass ich nicht in Bezirke wie Friedrichshain oder Prenzlauer Berg möchte. In Bezirke wie Kreuzberg darf man nicht hin, da habe ich Ehrfurcht vor. Es ist ein gewachsener Kiez, den ich mag und der funktioniert. Ich gehe dort gern einkaufen, meine Kinder gehen dort zur Schule – vielleicht kann ich ja ein wenig bewegen, obwohl ich hoffe, dass ich nichts bewegen kann. Aber ich möchte einfach nicht, dass die Mieten dort hochgetrieben werden.

Und dem Kiez rund um die Potsdamer Straße muten sie das zu?

Ich rechne nicht damit, dass ich so viel bewegen werde. So wie ich die Gegend kenne, glaube ich nicht, dass meine Kollegen nachziehen. Nicht dass ich besonders mutig bin, aber es gibt gewisse Leute, die brauchen eine bestimmte Frequenz und die gibt es in der Gegend nicht. Ich gehe weg, weil sich das Publikum verändert hat. Es ist nicht mehr mein Publikum. Der Großteil meiner Kundschaft, und ich werde sicher auch welche verlieren, folgt mir in die Potsdamer Straße.

Ist mit Frequenz Laufkundschaft gemeint?

Ja. Deswegen bleiben der Schiesser- und der Acne-Laden in Mitte. Denen traue ich das nicht zu, dass sie dort überleben können. Denen würde hier das Publikum fehlen. Acne ist für eine jüngere Generation, die eine gute Jeans haben möchte, die nicht zu viel kostet. Das funktioniert in der Gegend gut. Du kaufst deine Schuhe im Adidas-Laden und deine Jeans oder ein T-Shirt für 50 bis 60 Euro bei Acne. Das macht Sinn.

Sie sind auf diese Kundschaft nicht angewiesen, das war nie und ist auch nicht ihre Zielgruppe?

Ich bin nicht in den Hinterhof gegangen, weil ich Angst vor der Straße hatte. Im Grunde ist das, was wir verkaufen, erklärungsbedürftig. Das heißt, zu vielem, wie zum Beispiel dem Porzellan, muss man Geschichten erzählen: wie es produziert wird, dass die Künstlerin das aus Papier vorgeformt hat und der Hersteller versucht hat, diesen speziellen Papiercharakter zu bewahren. Die Idee, in den Hinterhof zu gehen, war einfach, den Leuten, die Muße zu geben, die Objekte oder Dinge zu kaufen, die den Manufakturgedanken in sich tragen, oder die in Handarbeit hergestellt werden. Das muss man erklären. Ich denke, dass wird die Zukunft sein. Entweder man kauft sich Dinge ganz billig oder Dinge, die teurer sind und eine Geschichte erzählen. Die mit Leben gefüllt sind.

Was meinen Sie mit Manufakturgedanken?

Die Mitarbeiter einer Manufaktur sind überschaubar. Es sind gerade mal 30 bis 40 Namen. Bei den großen Marken wie Gucci oder Prada weiß man, dass die Produktion irgendwo in Fernost als Massenbetrieb sitzt. Der Anteil des Preises für die Qualität ist dabei einfach gering. Bei den Produkten, die ich anbiete, schalten die Produzenten nicht mal Werbung. Das können sie sich nicht leisten. Der Großteil des Preises steckt im Produkt.

Erzählen Sie mal eine Geschichte?

Frau Raphaela H. aus Düsseldorf etwa, die kauft alte Web-Maschinen und es gibt einen alten Mann, der schnitzt noch die Schiffchen für die Webmaschine. Ein anderer sticht Lochkarten. Das ist toll, dass es solche Leute noch gibt. Das will ich unterstützen.

Gehen sie auf Messen und Modenschauen?

Ja, aber nicht mehr so viel. Weil ich auch mit den Firmen, mit denen ich arbeite, auch langfristig kooperiere. Ich gebe keine Firma auf, ich gehe mit denen durch dick und dünn. Es gibt auch Kollektionen, bei denen ich den Designer mag und schätze, aber sie sich nicht wirklich gut verkauft. Dann müssen halt die andere Dinge und deren Verkauf diesen Verlust erwirtschaften.

Die Praxis sieht in anderen Läden so aus: Wenn sich die Ware nicht bis zum Ladenschluss zu einer gewissen Prozentzahl verkauft hat, wird sie einfach rausgeschmissen. Wie ernst nehmen Sie Trends in der Modebranche?

Es gibt eine Tendenz, dass die Ware immer schneller kommt. Ich könnte also schon im Mai, die Winterware haben. Was ich aber nicht möchte, frühestens im Juli oder September. Das ist natürlich auch geschäftsschädigend. Der Zeitraum, in dem man Saisonware verkaufen kann wird immer kleiner. Die letzte Sommerware, die allerletzten Sachen sind jetzt erst eingetroffen – schon fangen München und Düsseldorf mit dem Sommerschlussverkauf an, weil sie die Lager bereits voller Winterware haben.

Die Geschichte mit der Lagerung. Das ergibt Zwänge, denn das kostet.

Man muss auch die Ware bezahlen, wenn man sie nicht an den Mann bringt. Die Zyklen haben sich verschoben. Früher war Sommerschlussverkauf im August und der Winterschlussverkauf im Januar. Wir hingegen wollen jetzt Waren verkaufen, die immer im Laden verfügbar sind. Saisonunabhängig.

Wir reden über die normale Industrie und wie sie funktioniert. Sie gehen ihren eigene Weg, seit sieben Jahren nun in der Münzstraße. Was hat sie dort weggetrieben? Die Mietpreise oder die Szenerie?

Die Mietpreise sind nicht das Problem, weil ich langfristig miete. Ich habe eine Mietdauer von drei bis sechs Jahren. Ich muss eigentlich nicht raus. Der Vermieter würde sich auch wahnsinnig freuen, wenn ich in der Münzstraße geblieben wäre. Aber es ist einfach so, dass sich das Klima hier völlig verändert hat. Alle, die ich von früher kenne, sind weg, weil die Mieten zu sehr gestiegen sind. Ich war nur noch umzingelt von Filiallisten, die es in jeder Großstadt gibt.

Die nennen sie Filiallisten, die Konzerne selbst bezeichnen diese als Flagshipstores, um ihre neusten Waren weltweit zu präsentieren .Für mich ist es reine Industrieware. Das hat kein Herz und keine Leidenschaft. Die setzen sich alle an Orte, die angesagt sind. Sie blockieren und verdrängen alle anderen, die dort waren und im Grunde das Feld für sie bereitet haben. Ich bin im Grunde Opfer meiner eigenen Arbeit. Das ist halt so. Die alte Espresso-Bar, die in Mitte war, ist rausgeekelt worden. Die Frisörin musste weg, Pro-Quadratmeter, ein sehr spezieller Buchladen musste weg. Also alle, die etwas Spannendes entwickelt haben, mussten weichen. Und spätestens wenn der Mietvertrag endet, verdrei- oder vervierfacht sich der Mietpreis. Dann müssen die Inhaber mit originellen Ideen das Handtuch werfen. Es werden absurde Mieten gezahlt, die im Grunde bis auf Cos oder Adidas, nicht funktionieren.

Die meisten sitzen also aus Imagegründen in Mitte?

Lacoste ist rausgegangen, Replay ist weg, Rene Lezard hat aufgegeben. Große Konzerne können sich so eine Adresse zwar leisten, aber die überlegen auch langfristig, ob sie über Jahre Millionen versenken. Die Vermieter freuen sich und die Leute, die einziehen, freuen sich zuerst auch einmal, dass sie einen Laden in der Neuen Schönhauser oder der Münzstraße ergattert haben. Dann kommt irgendwann das böse Erwachen oder sie können es sich leisten, in dem sie genug Geld erwirtschaften, indem sie ihre Ware in den Jeansläden der Welt verkaufen. Aber es ist eine Blase, die auch platzen kann und wird. Auch die Vermieter müssten perspektivisch denken und an denen verdienen, die erfolgreich sind, und die anderen, die spannende Sachen machen unterstützen.

Das ist eher ein idealistischer Anspruch. Der Immobilienmensch tickt anders

Langfristig würde sich das rechnen. Wenn irgendwann Straßen nur noch bevölkert sind von Fillialisten, wird das Interesse an dem Bezirk nachlassen und man wird sich woanders hinbegeben. Dann hat man auf einmal einen Leerstand. Das beste Beispiel ist die Fasanenstraße. Das war eine wirklich tolle Straße. Dort haben die Vermieter auch gedacht, sie können mit den Mieten immer höher gehen. Dabei konnte man für den gleichen Preis eine doppelte Fläche auf dem Ku'damm bekommen. Dann verödete die Straße, das wäre mit niedrigen Mieten nicht passiert. Da muss man eben so vorgehen, dass das eine die Pflicht und das andere die Kür ist.

Ich denke, sie werden auch viele gewinnen. Um auf den alten Westen zu sprechen zu kommen. Es gibt Anstrengungen, die Gegend um den Zoo mit Bikinihaus aufzuwerten. Ist das für sie auch ein Grund in die Potsdamer Straße zu ziehen?

Ich bin schon ein Fan vom Westen und finde es super, dass es bergauf geht. Langfristig wird Mitte für die ganz Jungen bleiben, und der Ku'damm wird richtig aufrüsten. Der Westen ist auf dem besten Wege zu gewinnen. Ich bin mit der neuen Adresse in der Potsdamer Straße auf halbem Weg von Charlottenburg nach Mitte. Eigentlich wahnsinnig zentral, obwohl die Gegend sehr dezentral wirkt.

(Interview: emh)

Andreas Murkudis, AM1, AM2, AM3 und Etage, Münzstraße 21-23, Berlin-Mitte

ab 6.Juli in in der Potsdamer Straße 83c, Berlin-Tiergarten

Tel. +49 30 88 19 45

www.andreasmurkudis.net

Mo-Sa 12-20 Uhr


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